Interview mit Jakob Fehr
Seit 1.5.08 ist Dr. Jakob Fehr neuer Mitarbeiter des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees (DMFK). Er löst Wolfgang Krauß ab. Ellen Leutbecher unterhielt sich mit Jakob:
Jakob, herzlich willkommen in deiner neuen Aufgabe. Kannst du kurz erzählen, wo du herkommst und welche Ausbildungen du gemacht hast?
Wenn Leute fragen, woher ich komme, sag ich gern „vom Weierhof“. Dort bin ich 1992 gelandet, als ich nach Deutschland kam. Aber doch: Ich komme aus einer mennonitischen Familie in Manitoba, Kanada. Nach dem Abschluss an einer pfingstlichen Bibelschule in Saskatchewan studierte ich Philosophie und Klassische Philologie (Magister 1989 an der Uni Waterloo). Ich war auch stark engagiert in einer christlichen Studentenvereinigung (IVCF).
Und dann kamst du nach Deutschland …
Ja, hier promovierte ich an der Universität Mainz in Philosophie und Kirchen¬geschichte. Auf dem Weierhof habe ich einige Jahre lang die Jugendarbeit der Mennoniten¬gemeinde mitbetreut und wurde später Laienprediger der Gemeinde. Nach 4 Jahren am Forschungszentrum Europäische Aufklärung in Potsdam wurde ich Januar 2004 zum Pastor der Mennonitengemeinden Monsheim und Obersülzen berufen. Ja, und nun arbeite ich beim DMFK in Bammental.
Was hat dich auf deinem Lebensweg geprägt?
Seit meiner Jugend bin ich von Jesu Ruf zur Nachfolge beeindruckt und angesprochen. Wie die Hingabe zu Jesus eine Verwandlung im Inneren der Seele bewirken kann, habe ich im pfingstlichen Kontext persönlich erlebt. Doch über die Zeit suchte ich nach einer Theologie der Nachfolge Jesu, die das Ganze des menschlichen Lebens anspricht und stieß dort auf Yoders Buch „Die Politik Jesu“, meine erste Begegnung mit Friedenstheologie.
Was hat dich in Yoders Buch besonders fasziniert?
Was mich besonders angesprochen hat und dann meine Einstellung erweiterte, war sein Nachweis, dass unsere Antwort auf Jesu Reden, Handeln und Tod nicht allein eine Sache der inneren Einstellung des Menschen ist. Genau so wichtig ist, dass die Nachfolge eine neue Gemeinschaft von Jüngern und Jüngerinnen hervorruft. Ich kann in zufälligen Begegnungen mit Menschen von Jesus erzählen, und das tue ich auch. Aber Jesus ruft uns eben auch dazu, ein neues und gerechtes soziales Gefüge zu bilden. Wir sind von ihm berufen, Gemeinde zu sein und ein Gegenmodell zur sozialen und politischen Umwelt zu bilden – ein Gegenmodell, das immer wieder Berührungen mit der Gesellschaft hat: ob das mal helfende und heilende oder aber auffordernde oder provozierende Berührung sein mag. Es geht darum, als Gemeinschaft Jesu das anbrechende Friedensreich Gottes zu leben und zu verkündigen.
Hast du ein Motto für dein Leben?
Mein Vorgänger, Wolfgang Krauß, beendet seine Emails mit dem Wort „Ich will den Frieden zu deiner Obrigkeit machen und Gerechtigkeit zu deiner Regierung“ (Jes. 60,17). Das finde ich ein tolles Motto; ich bin noch auf der Suche nach einem ähnlichen Vers, womit ich meine Mails unterschreiben könnte.
Welche Vision und welches Ziel hat das DMFK?
Im November 2007 gestaltete das DMFK eine Zukunftswerkstatt, wo es gerade um diese Frage ging. Es stellte sich heraus, dass wir uns im Gespräch und Gebet miteinander auf die Vision: „Gottes Frieden und Gerechtigkeit sollen in dieser Welt sichtbar werden“ einigen konnten. Unser Arbeitsziel im DMFK ist es, diese Vision öffentlich zu vertreten und Gemeinden zu stärken und befähigen, dazu Werkzeug zu sein.
Welche Aufgaben möchtest du zuerst angehen?
Im Sinne unseres neuen DMFK-Ziels will ich zunächst den Dialog mit den Gemeinden suchen. Wir sind ein Werk der Gemeinden für die Gemeinden. Daher will ich den Kontakt zu den Menschen suchen, auf sie hören, Möglichkeiten der Zusammenarbeit ansprechen.
Wie soll die Zusammenarbeit mit den Gemeinden intensiviert werden?
Unsere Zukunftswerkstatt hat gezeigt, dass viele Gemeindeglieder ein Herz für das Friedensreich Jesu haben und bereit sind, sich dafür einzusetzen. Diese Leute wollen wir motivieren, sich in den eigenen Gemeinden und darüber hinaus zu engagieren.
Und gibt es da Möglichkeiten zur Mitarbeit im DMFK?
Wir freuen uns über alle, die mitmachen wollen oder einfach ein bisschen über die Friedenstheologie lernen möchten. Ganz konkret könnten wir Leute gebrauchen für Web-Design, für langfristiges Mediations-Training, für Auslandseinsätze etwa in Palästina. Wer Lust hat, eine Kunstausstellung von talentierten mennonitischen Künstlern zum Thema „Gottes Frieden“ zu planen, ist herzlich willkommen. Wer bei sich zuhause eine Sammlung von Friedensgebeten oder -segen hat und diese Sammlung anderen zur Verfügung stellen will, dem können wir ein Forum anbieten. Wer gern durch Deutschland reist und sich für die Täufer interessiert, mit dem können wir einen Täuferstätten-Reiselexikon aufbauen. Wer im Zusammenhang mit dem DMFK einen Kinder-Bastel-Kalender für den KiGoDi machen möchte, komme zu uns! Alle, die eine besondere Gabe besitzen – in Management oder Baugewerbe, in Kunst oder Theater, in Gartenarbeit oder Skateboarding – alle Begabten können sich einsetzen, um Friedensgemeinde zu bauen.
Bist du ein begabter Skateboarder?
Wenn es reicht, dass ich mich 10 Sekunden auf dem Brett aufrecht halten kann, bevor ich einen Knochenbruch erleide, dann ja. Aber eigentlich bin ich viel besser auf Inliner-Skates. Alte Eishockey-Schule, weißt Du.
In den letzten Jahren besuchen immer mehr Jugendliche dieDMFK-Veranstaltungen. Was wird für sie angeboten?
Zum einen wollen wir ihnen besondere Jugend-Veranstaltungen bieten. Zugleich wollen wir bewusst darauf achten, ihnen Raum in allen anderen Aktivitäten zu schaffen. Während unserer kommenden Herbsttagung zum Thema R2P (Schutzpflicht) wollen wir sie auffordern, das Thema aus Sicht der Jugend zu behandeln.
Was reizt dich an der Friedensarbeit?
Wenn Frieden der Weg ist und nicht das Ziel, dann kann man auch sagen: Auf dem Weg in die Nachfolge Jesu zu sein, ist Friedensarbeit. Es ist einerseits beruhigend, zu wissen: Gott selbst und nicht wir werden den endgültigen Frieden herbeischaffen. Andererseits ist es spannend, auf dem Friedensweg zu sein. Was wird sich auf dem Weg zeigen? Wohin geht es? Wem werden wir hier begegnen? Wo können wir selbst Hand anlegen? Das ist eine reizvolle Aufgabe, und ich freue mich sehr, daran teilnehmen zu dürfen.
Ich wünsche dir viel Freude, Kreativität und Weisheit für deine neue Aufgabe und Gottes Segen für dein Tun und Lassen. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Erst veröffentlicht in: Brücke. Täuferisch-Mennonitische Gemeindezeitschrift, Nr. 4/2008.
